Das Schengen-Visum

Ich hab hier vor ein paar Wochen gejammert, wie mühsam es ist, ein Russland-Visum zu erlangen. Das mag sein – aber es ist nichts zu dem, was Russen erwartet, wenn sie ein Schengen-Visum oder auch ein Visum für Kanada oder die USA beantragen.

Für mein Russland-Visum brauchte ich:
• den ausgefüllten Visumantrag mit Passfoto
• einen Einladungsbrief (von einer einladenden Person oder Organisation)
• den Nachweis einer Krankenversicherung

Den Einladungsbrief hielt dies bis vor kurzem für ein bürokratisches Relikt aus der Sowjetunion, doch dem ist nicht so: Auch wer ein Schengen-Visum beantragt, braucht eine solche Einladung.

Was Russen für ein Schengen-Visum aber zusätzlich noch brauchen:
• einen Originalnachweis eines Arbeitsverhältnisses (mit Angaben über den Verdienst)
• Originale der Bank-/ Kreditkartenauszüge mindestens über die vorangegangen drei Monate

Виза-шенген

Der bürokratische Aufwand für ein paar Tage Ferien im Schengen-Raum ist für Russen also weitaus grösser. Russland wollte von mir keine Bankauszüge und auch keinen Nachweis eines Arbeitgebers sehen (ich musste lediglich auf dem Visumsformular den Namen meines Arbeitgebers angeben).

In Russland träumte man einst von einer visumsfreien Zone von Lissabon bis Wladiwostok. Dass davon nur Träume blieben, halte ich für eine verpasste historische Chance.

Erste Russisch-Lektion

Heute galt es ernst: Ich hatte meine erste Russisch-Lektion in Irkutsk. Die Kurse an der Migros-Klubschule waren oft sehr gemütlich. Es wurde viel geplaudert, die russische Grammatik wurde auf deutsch erklärt, dann ein paar Übungen auf russisch und dann schon wieder schweizerdeutsch.

Ganz anders hier: Hier gab es nur russisch, zweieinhalb Stunden praktisch am Stück. Wenn ich etwas nicht verstand, wurde es mir auf russisch erklärt, so lange, bis ich es endlich nachvollziehen konnte. Intensiviert wurde das ganze dadurch, dass ich heute eine Einzellektion hatte und sich meine sehr geduldige Lehrerin vollumfänglich mir widmen konnte. Am Ende der Lektion sah es in meinem Kopf etwa so aus wie in der oben abgebildeten Notiz aus der heutigen Lektion.

Ab morgen werden wir zu dritt in der Gruppe sein.

Erste Tage in Irkutsk

Nachdem ich gestern angekommen bin und nach einer sehr erholsamen Nacht meinen Jetlag bereits weggeschlafen habe, machte ich heute mit Swetlana, bei der ich während meinen vier Wochen in Irkutsk wohnen darf, eine erste Erkundungstour durch die Stadt.

Listwjanka
Listwjanka am Baikalsee, eine Autostunde von Irkutsk entfernt.

Gestern Nachmittag, kurz nach meiner Ankunft, waren wir bereits am Baikalsee. Nach einer rund einstündigen Fahrt mit der Marschrutka schaute ich in Listwjanka den fast ausschliesslich russischen Touristen beim Flanieren und Picknicken zu und bestaunte den Baikalsee mit seinem sauberen und glasklaren Wasser. Heute war also Irkutsk für einen ersten Augenschein an der Reihe.

Was mir schnell auffiel, ist die für unsere Gewohnheiten eher rusikale Mentalität: Man sagt schon meistens Paschaluysta und Spassiba (bitte und danke), aber weitere Höflichkeitsfloskeln gibt es kaum. Man ist sehr direkt zueinander, im Positiven wie im Negativen. Mir gefällt diese Offenheit; sie erinnert mich auch ein wenig an Deutschland. Die Leute kommen auch sehr schnell miteinander ins Gespräch. Und ist man einmal in Kontakt, sind die Leute sehr herzlich.

Die Schönheit der Stadt erschliesst sich dem westlichen Besucher nicht auf den ersten Blick, doch auf den zweiten zeigt sie sich durchaus. Pittoreske Szenerien wie etwa in italienischen Städten sucht man zwar vergeblich, dafür gibt es unzählige wunderschöne, alte sibirische Holzhäuser, eine erholsame Uferpromenade entlang der Angara und pulsierendes Leben überall in der Stadt. Mit dem «130. Quartier» wurde vor ein paar Jahren im Zentrum auch noch eine Einkaufs- und Tourismus-Zone mit Restaurants und einem Einkaufszentrum geschaffen.

Angara
Uferpromenade an der Angara.

Morgen ist mein erster Schultag. Ab dann gilt es ernst mit Russisch Lernen. Die Schule befindet sich mitten im alten Zentrum von Irkutsk. Nach dem, was ich heute gesehen habe, freue ich mich darauf, in den nächsten Tagen und Wochen die Stadt weiter zu erkunden.

Sibirische Sommerhitze

Ausgerechnet Sibirien
Im Sommer mit dem Pelzmantel nach Sibirien? Kann man machen. (Szene aus dem Film «Ausgerechnet Sibirien» mit Joachim Król.)

Auch ich wurde vor meiner Abreise nach Irkutsk mehr als einmal gefragt, ob ich die warmen Kleider eingepackt hätte. Bei 30 Grad plus ist das aber wohl eher unnötig.

Allerdings ist hier der Sommer kurz: Schon in ein paar Monaten kann man sich die 3 bei der Zahl im Beitragsbild oben wegdenken. Und im Winter steht wieder die ganze Zahl bei der Temperaturanzeige, aber mit einem Minus davor.

Internationales Abendessen

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Die russische Küche ist bei uns unbekannt – völlig zu Unrecht, wie jeder weiss, der schon mal in Russland war. Heute gabs zum Znacht Pelmeni mit baskischem Gewürz (mein Vorgänger bei meiner Gastmutter hier in Irkutsk kam aus dem französischen Baskenland), Käse aus der Schweiz (habe ich mitgebracht), Tomaten aus China, Aprikosen und Honig aus Kasachstan, saurer Sahne, Bananen, Baumnüssen und Brot.

«In Russland ist das Wetter schlecht»

wc09_ruseurasclimmFlughafen Zürich: «In Russland ist das Wetter schlecht», meinte die Schweizerin hinter dem Aeroflot-Schalter. Ich überlegte kurz, was sie damit wohl meinte: Russland, bekanntlich das grösste Land der Welt, das sich über elf Zeitzonen erstreckt und acht verschiedene Klimazonen kennt. Kann es sein, dass das Wetter in Murmansk gleich ist wie in Sotschi und in Kaliningrad wie in Wladiwostok? Was sie eigentlich sagen wollte: In Moskau gibts heute Nachmittag ein Unwetter. «In Irkutsk ist das Wetter schön», entgegnete ich. (Aktuell Sonnenschein bei 28 Grad – auch so eine komische Idee: dass man für eine Reise nach Sibirien immer einen Pelzmantel braucht.)

Eine gute Stunde später, bei der Passkontrolle zur Ausreise: Weil man bei der Aeroflot noch nicht so weit ist, auch für Inlandflüge elektronische Bordkarten auszustellen, kriegte ich für den Weiterflug von Moskau nach Irkutsk eine ausgedruckte Bordkarte, die ich neben den Pass hinlegte. Die Zöllnerin musterte diese eingehend, schaute dann auf und fragte mich: «Geschäftlich?» – «Nein, privat», antwortete ich. Sie schaute mich an, mit einem leichten Nicken und einem vielsagenden Lächeln. Ob es ein anerkennendes oder eher ein mitleidiges Lächeln war, oder ob sie mich sogar insgeheim für meinen Mut bewunderte, darüber rätsle ich noch.

Bordkarte