Mein Fiat 500

Mein grosses Russland-Erlebnis in diesem Bildungssemester ist nun Vergangenheit: Gestern bin ich nach anderthalb-tägiger Autofahrt von Kaliningrad zurückgekehrt. Ein Grund für mich für einen kleinen Blogpost zu meinem Fiat 500.

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Landstrasse in der Nähe von Krasnolesje.

Ich hatte diesen kurz vor meiner Russland-Reise beim Garagisten meines Vertrauens gekauft – mein erster Neuwagen. Mein alter Alfa 145 tat seinen Dienst zwar immer noch, doch wie lange noch stand in den Sternen, und die Services wurden immer teurer. Ausserdem wollte ich nicht in Russland mit einer Autopanne hängen bleiben. Die Horrorvorstellung: Defekt am Auto, Ersatzteilbeschaffung dauert Wochen, und inzwischen läuft mein Visum ab.

«Mit diesem kleinen Auto bist du von der Schweiz bis hierher gefahren?!», meinte eine Bekannte lachend. Es ist wirklich so, dass in Russland so kleine Autos selten sind. Doch der Radstand des Cinquecento ist gut, nur wenig kürzer als bei meinem alten Alfa, und das Auto fühlt sich auf der Strasse stabil an. Und das wichtigste, wenn man über 1000 Autobahnkilometer am Stück abspult, fehlt auch nicht: der Tempomat.

Platten
Zum Glück ist mein Fiat 500 mit einem Ersatzrad ausgestattet!
Schlagloch
Ein Augenschein ein paar Tage später: Dieses Schlagloch traf ich in einer regnerischen Nacht mit gut 60 km/h.

Eine Panne hatte ich dann doch noch, und zwar als ich bei einer nächtlichen Autofahrt ein Schlagloch traf. Und hier hat mich mein kleiner Fiat gerettet, denn im Gegensatz zu anderen Neuwagen ist er immer noch mit einem Ersatzrad ausgestattet, samt Werkzeug. So konnte ich den Radwechsel vor Ort selber vornehmen und musste nicht in der russischen Pampa auf Hilfe warten, denn das Missgeschick passierte während meiner Zeit in Krasnolesje ganz im Südosten des Kaliningrader Gebiets (dazu werde ich später noch schreiben).

Tschernjachowsk
Den lohnenden Abstecher nach Tschernjachowsk hätte ich ohne meine Autopanne nicht gemacht.

Am nächsten Tag fuhr ich dann nach Gussew, die nächste Kleinstadt. Dort wurde mein kaputter Pneu in kurzer Zeit repariert, doch nach einem Augenschein hätte ich mich nicht getraut, mit diesem auch nur 100 Meter zu fahren. Um neue Reifen zu kaufen, musste in die nächste grössere Stadt fahren, nach Tschernjachowsk. Den Besuch dieser Stadt hatte ich eigentlich nicht auf dem Programm, doch die rund einstündige Fahrt in diese hübsche Stadt hatte sich gelohnt. Dort konnte ich dann auch meine neuen Reifen bestellen bestellen, die ich mir ein paar Tage später auf der Rückfahrt nach Kaliningrad auf dem Vorbeiweg montieren lassen konnte.

Ich hab den Kauf des Fiat 500 noch keine Sekunde bereut, und ich würde mit ihm sofort wieder nach Russland fahren.

Fähre Romanshorn
Rückkehr in die Schweiz auf der Fähre Friedrichshafen–Romanshorn.
Kilometerstatistik
Kilometerstatistik nach sieben Wochen. (Zu Hause fahre ich den Fiat 500 normalerweise unter 5 l/100 km, doch auf Autobahnen braucht er deutlich mehr.)
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Vorurteile

«Der eine sieht in der Wasserlache den Schmutz, der andere die Sterne, die sich darin spiegeln.» Zitat von Immanuel Kant auf der oben abgebildeten Parkbank in Kaliningrad.

Vor ein paar Wochen hat mich meine Frau Regula in Kaliningrad besucht und nach ihrer Rückkehr in die Schweiz ihren Freundinnen von der Reise erzählt. Mit welchen Reaktionen und Vorurteilen man sich konfrontiert sehen kann, wenn man Leuten, die das Land nur aus unseren Medien kennen, von seinen Erlebnissen in Russland erzählt, schreibt sie in einem hier in ihrem Blogbeitrag.

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Überraschung: Auch die Russen lieben ihre Kinder. In Krasnolesje steht ein Baum mit einer Wucherung, die aussieht, als würde ein Bär den Stamm hochklettern. Jemand hat ein mit «Honig» beschriftetes Fass auf den Stamm gestülpt, zur Freude der Kinder, die das lokale Museum besuchen.

Was mich am meisten verstört an der Reaktion ihrer Freundin ist die hinter ihrer Aussage liegende Einstellung «Bei uns ist alles viel besser als bei denen». Ich habe in Russland keinen Menschen getroffen, aber auch nicht einen einzigen, der so über uns denken würde. Ganz im Gegenteil: Ob in Irkutsk oder Kaliningrad, die Russen lieben Westeuropa ungebrochen, ungeachtet der politischen Entwicklung.

Ich müsste mich vor all den liebenswerten Leuten, die ich hier in Russland kennenlerne, schämen, wenn sie wüssten, wie bei uns manche Leute über ihr Land denken.

Mir kommt da spontan eine Anekdote des britischen Musikers Sting aus der Zeit des kalten Krieges in den Sinn. Der sah eines Tages bei einem Freund zufälligerweise Kindersendungen aus der Sowjetunion und stellte fast ein wenig überrascht fest, dass die Russen ihre Kinder ja ebenso sehr lieben wie wir. Das passte nicht zum Bild, das man uns damals von den Russen vermittelte. Dieses Erlebnis inspirierte ihn zu seinem Song „Russians“.

Stings Song ist heute wieder so aktuell wie zur Zeit seiner Entstehung, und das ist sehr traurig.

In Europe and America there’s a growing feeling of hysteria
Conditioned to respond to all the threats
In the rhetorical speeches of the Soviets
Mister Krushchev said, ‚We will bury you‘
I don’t subscribe to this point of view
It’d be such an ignorant thing to do
If the Russians love their children too

How can I save my little boy
From Oppenheimer’s deadly toy?
There is no monopoly on common sense
On either side of the political fence
We share the same biology
Regardless of ideology
Believe me when I say to you
I hope the Russians love their children too

There is no historical precedent to put
Words in the mouth of the president
There’s no such thing as a winnable war
It’s a lie we don’t believe anymore
Mister Reagan says ‚We will protect you‘
I don’t subscribe to this point of view
Believe me when I say to you
I hope the Russians love their children too
We share the same biology
Regardless of ideology
What might save us, me and you
Is if the Russians love their children too

Signalisation vor Schulen: Von Russland lernen

Der Verkehr in Russland ist wäre ein Thema für sich. Er ist für uns gewohnheitsbedürftig. Nicht dass die Verkehrsregeln grundlegend anders wären, doch das Fahrverhalten auf der Strasse ist nicht so, wie wir es kennen. Dabei sind die russischen Autofahrer besser als ihr Ruf: Es wird gut aufeinander geachtet, oft auch mal auf den Vortritt verzichtet, ein Spurwechsel ist, anders als etwa in Zürich, auch ganz ohne Drängeln kein Problem.

Aber es wird innerorts deutlich schneller gefahren als bei uns. Mit 60 durchs Wohnquartier ist hier normal, sofern es der Strassenzustand zulässt. Und oft fehlen Markierungen oder eine Verkehrsführung komplett.

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Auch wenn der Fussgängerstreifen schon etwas abgenützt ist: In Russland werden vor Schulhäusern klare Markierungen gesetzt und sowohl Kinder als auch Autofahrer mit baulichen Massnahmen in die Pflicht genommen.
(Bild von meiner Dashcam bei der Anfahrt ins Haus Chance)

Ganz anders vor Schulen: Schon in Irkutsk ist mir aufgefallen, dass man in Russland im Bereich von Schulhäusern grossen Wert auf die Verkehrssicherheit der Kinder legt.

Auch hier in Kaliningrad wohne ich in der Nähe einer Schule: Rund 50 Meter vor der Schule wird das Trottoir durch ein Geländer von der Strasse abgetrennt, so dass Kinder die Strasse an der gewünschten Stelle überqueren und nicht einfach irgendwo. Auch der Fahrdienst für Mama-Taxis würde auf diese Weise erschwert (sofern dieses Phänomen in Russland überhaupt ein Thema ist). Aber auch die Autofahrer werden in die Pflicht genommen: Mit gut sichtbaren Tafeln wird die Schule angekündigt. Vor der Schule selber gibt es einen Fussgängerstreifen, und vor und nach diesem je eine Temposchwelle, die so gebaut sind, dass keiner auf die Idee kommt, schneller als mit 20 drüberzufahren.

In der Schweiz ist es irgendwie umgekehrt: Bei uns wird anständig durch die Quartiere gefahren, vor Schulhäusern aber gilt – zumindest im Kanton Thurgau – «Freie Fahrt für freie Bürger». Anders als offenbar in Russland existiert bei uns vor Schulhäusern kein spezieller Baustandard. Als Ortsunkundiger merkt man manchmal gar nicht, dass man gerade an einem Schulhaus vorbeifährt.

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Situation bei uns: Würden Sie als Ortsunkundiger merken, dass Sie hier gleich an einem Schulhaus vorbeifahren? Die Tafel „Achtung Kinder“ an der Hausecke ist schnell übersehen. 50 Meter weiter gibt es vor dem Schulhaus immerhin einen Fussgängerstreifen, was nicht bei allen Schulhäusern der Fall ist.
(Bild: Google Earth)

Und es ist nicht so, dass es bei uns heikle Verkehrssituationen selten wären: An meinem alten Schulort kam es mal zehn Minuten vor Schulbeginn gleich vor dem Schulhaus zu einem Auffahrunfall vor dem Fussgängerstreifen, der von einem Kind überquert wurde. Wie soll ein Autofahrer, der ein vor sich stehendes Auto nicht sieht, ein Kind auf der Strasse erkennen? An meinem jetzigen Arbeitsort habe ich vom Schulzimmer aus einen Panoramablick auf die Hauptstrasse und sehe immer wieder heikle Situationen, die bei einer Strassenbauweise und Beschilderung, wie ich sie in Russland sehe, so nicht auftreten könnten.

Wenn man bei uns aber als Lehrer oder gar als Schulgemeinde beim Kanton vorstellig wird, um an bestehenden heiklen Situationen an Kantonsstrassen auch nur ein bisschen etwas zu verbessern, wird es extrem zäh. Es wird geächzt und gestöhnt, man wolle nicht zu viele Signale aufstellen, und es braucht sehr viel Hartnäckigkeit und Durchhaltewillen, um etwas zu erreichen. Ich rede hier nicht ohne Erfahrung.

Die Schweiz – nach meinen persönlichen Erfahrungen gerade auch der Kanton Thurgau – kann hier von Russland lernen.

80 Minuten für 200 Meter

Nachdem ich nun schon zwei Mal von erfreulich nett verlaufenen Grenzübertritten nach Russland geschrieben habe (hier und hier), möchte ich auch meinen letzten Grenzübertritt in Sowetsk erwähnen, der das Gesamtbild etwas verschiebt. (Sowetsk hiess früher übrigens Tilsit – ja, genau, das mit dem Käse.) 80 Minuten brauchte ich für die ganze Prozedur.

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Grenze in Litauen: Erst mal warten.

Diese begann allerdings schon in Litauen. Obwohl keiner vor mir war und ich direkt an die Barriere fahren durfte, liess man mich dort erst mal eine Weile stehen. Inzwischen reihte sich hinter mir ein Fahrzeug nach dem andern ein. Zwischendurch liefen immer wieder Zöllner vor meinem Auto vorbei, von denen sich aber keiner für mich zuständig fühlte. Als ich aussteigen wollte, um wenigstens etwas an der frischen Luft zu warten, wies mich ein Zöllner auf Russisch an, wieder einzusteigen; es komme schon noch jemand. Dies geschah dann tatsächlich nach fast 15 Minuten. Da es ansonsten keine Formalitäten zu erledigen gab, konnte ich 5 Minuten später weiterfahren.

Brücke
Über die Brücke von Litauen nach Russland bei Sowetsk.

Hinter der Brücke auf der russischen Seite stand ein Stoppschild. Da ich ausser einer Zollbeamtin, mir der ich Augenkontakt aufnahm, diese aber keine weiteren Regungen zeigte, niemanden sah, rollte ich weiter. Da herrschte mich eine andere Beamtin an, die von hinten an mich herantrat, ich solle hier warten. Nach weiteren wohl rund 10 Minuten durfte ich weiterrollen, an den eigentlichen Zollschalter.

Russland
Russland winkt schon mit der Fahne. Bis ich mich dort wieder frei bewegen darf, sollte es nochmals eine Stunde dauern.

Die Beamten waren formell völlig korrekt und auch nicht wirklich unhöflich. Aber es herrschte ein doch eher eisiges Klima, obwohl eine junge Zöllnerin zwischendurch sogar etwas lächelte. Doch es schien mir so, als ob es die «Betriebskultur» an diesem Grenzübergang gebot, das naturgemäss herrschende Hierarchiegefälle nicht zu flach werden zu lassen. Ich stelle sie mir alle als durchaus nette Menschen vor, und hätte ich sie unter anderen Umständen kennengelernt, hätten es sicherlich nette Begegnungen werden können.

Irgendwann kam dann ein Beamter auf mich zu und erklärte mir sogar auf deutsch, wie ich die Formulare für den Temporären Import meines Fahrzeugs auszufüllen habe. Es waren die gleichen Formulare wie damals in Nowoselowo, und wie dort scheint es auch am Grenzübergang in Sowetsk kein Kopiergerät zu geben, und ich musste das gleiche Formular zwei Mal ausfüllen.

Während dem Ausfüllen des zweiten Formulars war der deutsch sprechende Beamte plötzlich weg und ward nicht mehr gesehen, und ich wusste nicht, wohin mit meinen Formularen. So stand ich blöd da vor dem Zollhaus; die manchmal lächelnde Beamtin blickte immer wieder zu mir herüber und bemerkte mein Problem durchaus, kam aber nicht auf die Idee, mir weiterzuhelfen. Also warten. Hinter mir standen ja noch einige Fahrzeuge mehr, also würde schon irgendwann einmal etwas Uniformiertes zu mir kommen.

Schliesslich wurde ich meine Formulare doch noch los. Ich hätte nur an die Scheibe des Zollhauses zu klopfen brauchen und die Papiere der Beamtin, die dahinter sass, abzugeben. Doch da die Scheibe von aussen undurchsichtig war, konnte ich das nicht erahnen. Dann noch eine kurze Routinekontrolle des Autos – die, wie bei den anderen Grenzübertritten – sehr oberflächlich und ziemlich unmotiviert ablief, was mich keineswegs störte, und endlich durfte ich mich in Russland wieder frei bewegen.

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Endlich wieder freie Fahrt auf der russischen Seite. Das trübe Wetter widerspiegelte ein wenig die Stimmung am Grenzübergang. Vielleicht sind die Zöllner in Sowetsk bei Sonnenschein ja auch so freundlich wie die an den anderen Grenzübergängen, die ich bis jetzt kennengelernt habe.

Nun fehlt mir noch die Registration. Diese gehört auch zur Prozedur, wird aber als Tourist kaum wahrgenommen, weil sich das Hotel darum kümmert. Als «Business-Reisender» muss ich selber schauen, dass ich dies erledige, sonst gibts Probleme bei der Ausreise. Auch den genauen Ausreisetag muss ich bereits wissen. Auch wenn das eigentliche Visum länger gültig ist, darf ich keinen Tag später ausreisen als bei der Registration angegeben, aber auch keinen Tag früher.

Ausflug nach Litauen – nein, Lettland

Innerlich war ich überhaupt nicht bereit, das Gebiet Kaliningrad zu verlassen, doch mein Russland-Visum verlangt es so, weil ich mit diesem zwar bis Mitte Dezember in Kaliningrad bleiben dürfte, aber nicht länger als 30 Tage am Stück. So wählte ich ohne grossen Enthusiasmus Litauen als mein Ziel, suchte mir einen auf der Handy-Karte einen schönen Ort am Meer, reservierte noch schnell ein Hotel und fuhr am nächsten Tag los, über die Kurische Nehrung Richtung den russisch-litauischen Zoll.

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Fahrt von Kaliningrad nach Litauen über die Kurische Nehrung mit einem kleinen Abstecher ans Meer.
Grenzübergang
Russisch-litauscher Grenzübergang
(Bild: Google Street View)

Der junge russische Zöllner war äusserst gut gelaunt. Als er meine Schweizer Autonummer sah – an dieser Ecke der Welt wohl nicht gerade alltäglich – sprach er mich mit einem breiten Lachen auf Russisch an: «Sie sprechen ja sicher gut Russisch». «Tschut-tschut», antwortete ich, «ein bisschen». Die Überraschung, dass ich ihn verstanden hatte, steigerte seine gute Laune, und wir plauderten ein bisschen, so gut dies mit meinen immer noch recht begrenzten Russisch-Kenntnissen möglich war. Ebenso gut gelaunt war auch die Zöllnerin hinter dem Schalter, die meinen Pass für die Ausreise abstempelte.

Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass ich wohl noch nie einen so herzlichen, geradezu fröhlichen Grenzübertritt erlebt hatte. Wer immer noch das Bild der unterkühlten Russen aus dem kalten Krieg, etwa den alten James-Bond-Filmen, vor Augen hat: Vergesst es. Falls es je so ähnlich war – heute stimmt es auf jeden Fall nicht mehr.

Ebenso freundlich, wenn auch nicht gleich so überschwänglich, waren die lettischen Zöllner hundert Meter weiter. Und das an einer politisch nicht unproblematischen Grenze. Aber von den gravierenden weltpolitischen Problemen,die an dieser Grenze aufeinandertreffen, spürte ich an bei meinem Übertritt überhaupt nichts.

Fähre nach Klaipėda
Auf der Fähre von der kurischen Nehrung nach Klaipėda in Litauen.

So fuhr ich weiter durch den lettischen Teil der kurischen Nehrung. Auf der Fähre nach Klaipėda kam ich kurz ins Gespräch mit einem Deutschen aus Hamburg, der seit vielen Jahren in Lettland wohnt. Dabei realisierte ich, dass mein Ziel, Liepāja, ja gar nicht in Litauen liegt, sondern in Lettland. Die baltischen Staaten sind klein, und die Landesgrenze war auf meiner Handy-App nicht sichtbar, als ich mit den Ort ausgesucht hatte.

Die Route nach Liepāja führte über eine neue, praktisch verkehrsfreie Strasse, durch eine wunderschöne, fast menschenleere Landschaft. Nur eine einzige Ortschaft musste ich durchfahren.

Die Fahrt hat sich gelohnt! Liepāja ist eine schöner, ruhiger Ort an der Ostsee, an dem ich jederzeit auch meine Sommerferien verbringen würde. Ein endloser Sandstrand, viele schöne Pärke, alte Häuser an pittoresken Strassen mit Kopfsteinpflaster, und ein belebtes, aber doch gemütliches Zentrum. Ich geniesse die paar Tage sehr, die ich hier verbringe.


Verkrampftes Verhältnis zur russischen Sprache

Auf der Strasse fiel mir schnell auf, dass neben dem mir völlig unbekannten Lettisch oft auch Russisch gesprochen wird. Russisch ist eine Sprache, die man hier oft hört, aber so gut wie gar nicht sieht. Einzig auf dem Markt vielen mir ein paar kyrillisch beschriftete DVDs auf, und später entdeckte ich eine zweisprachige Inschrift auf einem ein Denkmal für Fischer und Seefahrer in der Nähe des Strandes. Abgesehen von dieser Ausnahme findet man sowohl auf offiziellen Beschriftungen als auch bei Geschäften keine kyrillischen Buchstaben und auch kein Russisch..

Aus historischen Gründen ist das Verhältnis Lettlands zu seiner grossen russischen Minderheit, die immerhin 37 Prozent der Bevölkerung stellt, alles andere als entspannt. Für die ethnischen Russen wurde in Lettland der Status der Nichtbürger geschaffen. Sie besitzen weder die lettische noch eine andere Staatsbürgerschaft, sind also de facto staatenlos, auch wenn ihnen Lettland ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht im Land gewährt. Doch ihr Status hat für die Nichtbürger hat auch seine Vorteile: Sie können visumfrei sowohl nach Russland als auch in die EU reisen.

So ist der Status der russischsprechenden Minderheit Lettlands ein für beide Seiten ungelöstes Problem. Und ich denke an mein eigenes Land, die Schweiz, und daran, dass bei uns die Viersprachigkeit mehr als einfach nur ein akzeptierter Umstand ist, sondern gar eine identitätsstiftende Funktion hat. Man ist stolz auf seine Mehrsprachigkeit – da ist so manches Land gerade im Bereich der ehemaligen Sowjetunion leider weit davon entfernt.

Auf der kurischen Nehrung

Kurische Nehrung
Die kurische Nehrung gehört zum Gebiet Kaliningrad (Russland) und Litauen. (Bild: Wikipedia)

Eine Sehenswürdigkeit im Gebiet Kaliningrad ist die kurische Nehrung – eine knapp 100 Kilometer lange Halbinsel, deren nördliche Hälfte zu Litauen gehört. Regula – die mich diese Woche in Kaliningrad besucht hat – und ich hatten mit Rita eine ausgezeichnete Reiseführerin, die uns einen ganzen Tag lang die Schönheiten und Besonderheiten der kurischen Nehrung zeigte.

Wir verbrachten einen äusserst erlebnisreichen Tag. Zu den Höhepunkten gehörte die Vogelstation in Rybatschi, auf der auch Zugvögel in einem ausgeklügelten System von Netzen gefangen und nach einer Beringung wieder freigelassen werden. Routiniert fing der Ornithologe eine Kohlmeise und ein Wintergoldhähnchen ein und zeigte uns, wie die Beringung vonstatten geht. Mit der Methode der Beringung können wie Wege und Distanzen des Vogelzuges ermittelt werden. Ornithologen sind weltweit bestens vernetzt. Und selbstverständlich kannte der russische Ornithologe auch die Vogelwarten von Sempach oder Radolfzell, nachdem wir ihm gesagt hatten, dass wir in der Schweiz in der Nähe des Bodensees wohnen.

Weitere Höhepunkte auf unserem Ausflug war die Dünenlandschaft in der Nähe von Morskoye und der Wald der tanzenden Bäume – manche Russen nennen sie auch die «betrunkenen Bäume».


Wald der tanzenden Bäume

In diesem Wald nehmen die «tanzenden Bäume» zuweilen groteske Formen an. Ein Schädling ist die vermutete Ursache dafür, dass die Bäume so lustig in den Himmel wachsen.


Beringung an der Vogelstation

In einem ausgeklügelten System von Netzen werden die Zugvögel eingefangen und danach beringt. Dies erledigt der Ornithologe mit routinierter Hand.

Im Netz nicht gefangen werden können Vögel wie Schwäne, Gänse oder Enten, weil sie zu hoch fliegen, sowie Europas klügste Vogelart: Die Raben.


Sanddünen

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Der Untergrund besteht auf der ganzen kurischen Nehrung aus Sand. An manchen Stellen zeigt sich dieser in Form von Dünen.


Pilzsammler

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Pilze Sammeln ist eine grosse Leidenschaft der naturverbundenen Bevölkerung. Zur Pilzsaison trifft man daher auch auf der kurischen Nehrung auf hunderte von Pilzsammlern; drei von ihnen warten an dieser Bushaltestelle auf die Heimfahrt.